Zellkultur

Die Automobilindustrie gilt Vielen als das Aushängeschild des Hochtechnologiestandorts Deutschland. Doch während eine ganze Reihe heute auch in Kleinwagen selbstverständlicher Innovationen in Sicherheit und Komfort ihren Weg dorthin über deutsche Oberklasselimousinen fand, konnte man im Bereich der Umweltfreundlichkeit hingegen keine Vorreiterrolle etablieren. Saubere Dieselmotoren bekam man zuerst in Importmodellen, und ganz aktuell scheint es so, als hätte man diesen Vorsprung bis heute nicht bei allen Herstellern einholen können. Hybridantriebe sind mit dem Wort „Prius“ fast so synonym wie „Tempo“ und Taschentücher, und auch bei der reinen Elektromobilität ist in diesem unseren Lande nicht viel zu holen – verglichen mit durchaus praxistauglichen Modellen wie dem Tesla Model S sortieren sich Reichweitenknauserer wie e-Golf oder i3 irgendwo zwischen Nischenlösung und teurem Scherzartikel ein.

Quelle: Wikipedia

Und auch bei der meines Erachtens nach interessantesten Technik, der Brennstoffzelle, bekleckert sich der deutsche Erfindungsreichtum nicht mit Ruhm – hier sind es die klugen Köpfe von Toyota, die Fakten schaffen. Während anderswo noch über technische Schwierigkeiten lamentiert wird, schicken die Japaner mit dem Mirai nun das weltweit erste Großserienauto mit eigenem Kraftwerk ins Rennen um die Zukunft. Ist der Bedarf erst einmal geweckt, so wird auch die dafür erforderliche Infrastruktur folgen – so der Plan, der mit staatlicher Förderung in Kalifornien bereits gute Chancen hat aufzugehen.

Daß der Verbrennungsmotor für den Antrieb von Personenkraftwagen alles andere als alternativlos ist, war bereits im 19. Jahrhundert kein Geheimnis. Seinen Siegeszug verdankt er weniger seiner prinzipiellen Eignung als vielmehr neben der bei einem dichten Tankstellnetz praktisch unbegrenzten Reichweite letztlich dem billigen Öl. Letzteres ist, auch wenn die Ölförderländer dies sicher nicht gerne wahrhaben wollen, eine endliche Ressource – über kurz oder lang wird an einem alternativen Antrieb kein Weg vorbei führen, und daß dies ein elektrischer sein wird kann ebenfalls als gegeben angesehen werden.

Es bleibt also am Ende nur die Frage, wie wir diesen in der Zukunft mit Strom versorgen. Und hier hat die Brennstoffzelle weit mehr Potential zu bieten als ein reiner Akkubetrieb. Eine komplett neue Infrastruktur erfordern beide Varianten – für eine wirklich flächendeckende Versorgung dürften Wasserstofftankstellen trotz aller technischen Widrigkeiten jedoch besser geeignet sein. Zumal sich der Energiebedarf der zukünftigen Fahrzeuge wohl eher nach oben als unten entwickeln dürfte – nicht nur, daß der Verbraucher auf liebgewonnenen Luxus wie Klimaanlagen oder Sitzheizungen nicht gerne wird verzichten wollen, auch zukünftige Technologien wie Nachtfahrkameras und Assistenzsysteme werden dafür Sorge tragen, daß der Stromhunger kommender PKW-Generationen auf hohem Niveau bleiben wird.

Schwenkt man seinen Blick einmal über den Tellerrand des innerstädtischen Kurzstreckenverkehrs hinaus, so wird die Problematik des Akkubetriebs vor allem mit Blick auf Nutzfahrzeuge deutlich. Für sie ist ein elektrischer Antrieb geradezu prädestiniert: hohes Drehmoment bei jeder Drehzahl, keine Unterbrechungen der Kraftübertragung durch Schaltvorgänge und die Möglichkeit, Bewegungsenergie bei Bergabfahrten nicht durch Bremsen oder Retarder in Wärme, sondern über den Motor direkt wieder in Strom zu verwandeln sind neben Lärm- und Schadstoffminderung interessante Aspekte. Selbst außergewöhnliche Speziallösungen wie Hilfsmotoren in Anhängern oder Aufliegern für bessere Traktion unter schwierigen Bedingungen (Baustellen oder verschneite Gebirgsstraßen) ließen sich mit im Vergleich zu Dieselmotoren geringem Aufwand umsetzen. Um dies in Einklang mit den Anforderungen – hohe Leistung, hohe Reichweite, geringes Mehrgewicht und kurze Standzeiten – zu bringen, scheinen Akkus nur in Einzelfällen geeignet. Ein Einzug der Brennstoffzelle in den Schwerlastverkehr würde zudem den Ausbau des Tankstellennetzes deutlich attraktiver machen. Ein Nebeneffekt einer Wasserstoffwirtschaft auf breiter Front könnte langfristig in einer besseren Ausnutzung regenerativer Energien bestehen – indem man überschüssigen Strom auf diesem Wege „lagert“, insbesondere dort, wo sich Pumpspeicherwerke o.ä. nur schlecht realisieren lassen. Das mag zwar derzeit noch nicht wirtschaftlich sein, aber spätestens mit dem – langfristig unvermeidlichen – Zusammenbruch der Erdölwirtschaft dürfte sich das ändern.

Ich bin überzeugt davon, daß der Toyota Mirai alles andere als eine technische Spielerei ist – ich sehe in ihm den vielversprechendsten Schritt auf dem Weg zu einer neuen, von fossilen Brennstoffen unabhängigen Mobilität. Somit ist auch der Name des Fahrzeugs gut gewählt – Mirai bedeutet übersetzt „Zukunft“. Es bleibt zu hoffen, daß auch die altehrwürdige deutsche Automobilindustrie erkennt, daß dem Bau immer größerer, schwererer Verbrennerautos keine unbegrenzte Lebenszeit beschieden ist, denn sonst  lässt das Land der aufgehenden Sonne selbst den guten Stern auf allen Straßen bald eher wie eine Sternschnuppe wirken.
Ich für meinen Teil würde zu meinen Lebzeiten gerne noch diese neue Generation PKW erleben – und dabei wäre es vermutlich nicht nur mir im Endeffekt egal, welches Logo auf der Heckklappe prangt.

 

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